Omnibusse, Dächer und der Hunger

Hallo zusammen – manchmal erzähl ich mir kleine Geschichten
so wie die:

Natürlich ist der Platz frei neben mir, sie sehen es, weshalb fragen Sie? Nehmen Sie Platz. An Geister glauben sie doch nicht, nein sie sicher nicht. Ein freier Platz ist ein freier Platz, nicht wahr? Gleich, wer vor ihnen auf diesem Platz gesessen haben mag, gleich, wer nach ihnen kommt. Sie sind auf dem Weg zu ihrer Arbeit? Aktentasche sieht nach Akten aus und hat doch sicherlich auch den weisen Gedanken an den Hunger zur Mittagszeit bereits vorweggenommen. Sie werden Hunger haben und mittagessen, wenn es an der Zeit sein wird. Sie werden aussteigen und zu ihrer Arbeit gehen. Nicht wahr? Sie werden arbeiten und essen.
Es gibt Dinge, die ich an ihnen beneide, das sage ich ganz offen, denn sie wissen wohin dieser Bus fährt. Jetzt schon, obgleich er noch lange nicht am Ziel ist. Sie fahren jeden Tag in diesem Bus und können darauf vertrauen. Ich beneide sie wirklich. Ich vertraue nicht darauf, dass dieser Bus sein Ziel erreichen wird, denn ich werde vorher aussteigen. Sie werden ihr Ziel erreichen, ich nicht.
Mir ist es vollkommen gleich, ob sie oder irgendwer auf diesem Platz neben mir sitzen, Vielleicht sogar einer dieser Geister, an die sie nicht glauben. Ich glaube auch nicht an Geister, aber, sehen sie, damit ist doch noch lange nichts bewiesen. Sie sind auch nicht bewiesen. Glauben sie an sich? Ich glaube nicht an sie, an mich würden sie auch nicht glauben, nicht jetzt und nicht später, wenn sie bei ihrer Arbeit sind und wenn sie den geplanten Hunger bekommen werden, den der Inhalt ihrer Aktentasche ebenso geplant wieder auslöschen wird.
Warum haben Häuser eigentlich rote Dächer? Die Antwort ist so einfach. Dachziegel sind rot!
Aber ist ein Dach noch ein Dach, wenn alle Ziegel heruntergefallen sind? Natürlich ist es ein Dach, was anderes sollte denn sonst dort sein. Der Himmel ist weitaus höher aufgehängt, als dass er schon über einem Dach beginnen könnte. Selbst ein kaputtes Dach holt den Himmel noch nicht ins Haus. Wo fängt ihr Himmel an? Über ihrem Haus oder bereits über ihrem Hut oder in ihrem Kopf? In ihrem Kopf ist ihr Verstand, wenn der Himmel in ihrem Kopf beginnt, haben sie ihren Verstand verloren, dann haben sie eine Dachschaden, werter Nachbar, aber den haben sie nicht.
Rote Dächer bei Tag, tote Dächer. Ein toter Himmel. Wie traurig. Dort drüben ist ein Baustelle. Warum auch nicht. Baustellen haben so was Mutiges. Besser jedenfalls als Kaugummi auf den Veloursitzen. Finden sie nicht? Mögen sie Kaugummi? Auf Veloursitzen? Lieber auf Velour sitzen, als auf Kaugummi! Haha! Kleiner Scherz. Sie verstehen, heute ist schließlich Montag. Widersprechen sie nicht. Montag, fünfundfünfzig Uhr neunzehn. Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, werden sie wissen, ob ich auf einem Kaugummi gesessen habe. Sie werden aber nicht wissen ob sie Hunger haben werden zur Mittagszeit. Das wissen sie doch? Wie ich sie beneide. Seien Sie glücklich!
Der Himmel beginnt in ihrer Aktentasche. Leben sie wohl. Ich werde an der nächsten Station aussteigen, gleich, wie sie heißen mag. Leben sie wohl. Was uns beide auf ewig verbinden wird, das ist diese Fahrt, denn sie wird niemals ungeschehen sein. Sie aber fahren diese Fahrt, ich dagegen reise. Leben sie wohl und vergessen sie niemals glücklich zu sein. Besonders heute Mittag, wenn der Hunger sie packen wird. Nein, dieser Teufel wird sie nicht demütigen, denn sie haben eine Aktentasche und mit ihrer Butterstulle werden sie allen Anfechtungen widerstehen. Sie werden siegen. Ein gekochtes Ei, eine Boulette? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, sie sind gewappnet.
Ich weiß, es ist nicht ihr Ziel, zu dem sie streben, es ist nicht ihr Ziel, für das sie ihre Fahrkarte gelöst haben. Meines ist es auch nicht. Leben sie wohl. Sie wissen, was wirklich zählt, nicht wahr? Seien sie stolz, wenn sie ihre Augen schließen zur Nacht und grüßen sie die roten Dächer von mir, wenn es morgen einen neuen Tag geben sollte. Dienstag.
Leben sie wohl und allzeit gute Fahrt!

und dann les ich diese Geschichten und frage mich noch lang, was ich damit eigentlich sagen wollte. Wisst Ihr’s? Ich ahne es zwar, möchte es aber nicht wahr haben. Wieder mal. Es ist immer das Selbe (oder das Gleiche?) mit mir.

Yak

Immer der Selbe (Oder der Gleiche?)

Ein Gedanke zu “Omnibusse, Dächer und der Hunger

  1. Die Reise, ein Stück des Weges, nebeneinander. Wann hat sie begonnen und wann endete sie. Frage nicht, reise. Ich liebe Deine Geschichten, die irgendwo beginnen und irgendwo enden. Ich stehe auf freiem Feld und wo war der Bus?

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