der Lehrerstein

Es war ein mal ein Mann, der sehr viel Wissen wollte. Ihn interessierte, wie alles geschaffen worden ist, wo die Winde herkommen, was das Wasser erzählt, die Sprache der Erde und von allem was auf ihr wächst. Er verstand nicht den Mond und die Sonne auch nicht den Lauf der Sterne.

Die ganze Sehnsucht seines Herzens trieb ihn und so machte er sich auf die Suche nach dem Wissen. Er ging viele Wege, fragte viele Menschen. Niemand wußte es. Er suchte Lehrer, weil er glaubte, die müßten doch alles wissen, aber jeder sagte ihm etwas anderes und viele Lehrer lebten ein Leben, das nicht zu dem paßte, was sie lehrten. Er laß viele Bücher, in verschiedenen Sprachen. Dem armen Mann schwirrte der Kopf über so vielen Worten, Wahrheiten und Lügen. Er war viel Geld losgeworden an die Lehrer und für Bücher und nun besaß er nicht mehr viel. Nirgends fand er das was er suchte.

So begab er sich wieder allein auf die Suche. Seine Wege führten ihn durch die Weite der Welt. Er sah in die dunkelsten Wälder, die tiefsten Flüsse, die weitesten Meere, er stieg auf die höchsten Berge, kletterte in die endlosen Höhlen. Egal wohin er kam, überall stolperte er über einen Stein und fiel hin. Er fluchte jedes mal und schenkte dem Stein keine Beachtung, ja, er trat mit dem Fuß dagegen, so dass er weit weg flog und tat sich dabei noch am Fuß weh. Es war ja nur ein einfacher, schwerer, dunkelgrauer, schmutziger Feldstein.

Nach langem erfolglosem Suchen begab er sich wieder auf den Heimweg zu seinem Haus. Er war müde und vom vielen Hinfallen tat ihm alles weh. Als er in der Ferne sein Haus wieder sah, war er einerseits froh, wieder nach Hause zu kommen, nach seiner schmerzhaften Reise. Andererseits war er sehr traurig. Er erinnerte sich, dass er ja ausgezogen war um das Wissen zu finden und er kam nun nach all den Jahren mit leeren Händen, mit brummenden Kopf, ohne Geld  und mit traurigem Herzen  nach Hause zurück.

Beim letzten Schritt über die Schwelle in sein Haus stolperte er erneut und fiel der Länge nach hin. Er sah zu Boden und da war wieder der Stein. Diesmal fluchte er nicht, vielleicht war er aber auch schon zu müde. Er sah ihn sich genau an. Es war wieder dieser unscheinbare Feldstein, der ihn auf seinem ganzen Weg begleitet hat, über den er schon so oft gestolpert war, der ihm schon so viele Schmerzen bereitet hatte. Nun saß er da auf der Erde und betrachtete den Stein zu ersten mal genauer. Er war grau, durchzogen von feinen Linien anderer Farben, er sah gelb, ein dunkles rot, ein Weiß und eine ganz kleine glitzernde Stelle, als der letzte Rest der Abendsonne  auf den Stein fiel. Er hob ihn auf und hielt ihn in der Hand. Der Stein war sehr schwer und kühl. Langsam begann er sich in seiner Hand zu erwärmen, es war, als schmiegte sich dieser große Stein in seine Hand.

Der Mann nahm den Stein mit in sein Haus und legte ihn auf die Fensterbank, da konnte er wenigstens nicht mehr über ihn stolpern. Er sah den Stein im Licht der Sonne und im Lichte des Mondes an. Der Stein blieb was er war. Er begann mit dem Stein zu sprechen, erzählte ihm Geschichten von seiner Reise durch die Welt, aber der Stein lag einfach nur da, und er wusste nicht, ob er ihm überhaupt zuhörte. Er stellte eine Schüssel mit Hirse, ein paar Blumen, eine Schale mit Wasser zu dem Stein. Aber der Stein wurde weder schöner dadurch, noch wusste der Mann, was es mit diesem Stein auf sich hatte.

So ging es ein Jahr lang. Eines morgens erwachte der Mann, er hatte sehr schlecht geschlafen diese Nacht. Sein ganzer Körper tat ihm weh und sein Blick fiel auf die Fensterbank, er erschrak, der Stein war verschwunden. Er suchte ihn im ganzen Haus und fand ihn nicht. An diesem Abend, als er wieder zu Bett gehen wollte, fand er ihn unter seiner Bettdecke. Deshalb hatte er so schlecht geschlafen, die ganze Nacht lag er auf dem Stein. Er trug den Stein wieder zu seinem Platz. Diesmal setzte er sich davor und begann für den Stein zu singen, er nahm die Rassel und begann für den Stein zu rasseln. Fremde, nie gekannte Worte kamen über seine Lippen, die Rassel erzeugte einen Klang, den er noch nie gehört hatte, sein Körper bewegte sich in einem eigentümlichen Rhythmus zu der Rassel, alt vertraut und doch neu. Aber es gefiel ihm, weil es seinem Herzen Ruhe gab und seine Seele sich öffnete.
Plötzlich vernahm er ein leichtes Summen und Vibrieren. Er sah zu dem Stein und erschrak erneut. Er veränderte sich, er bewegte sich auch so als wenn er tanzen würde. Im Licht des Vollmondes wechselte er die Farbe, wurde bunt, teilweise durchsichtig und begann zu strahlen. Der Mann sang weiter und war fasziniert davon, was mit dem Stein geschah. Plötzlich hörte er eine zweite Stimme singen und er wusste, dass diese von dem Stein kam. So erzählte ihm der Stein nun seine Geschichte, er war so alt wie die Erde, kannte ihre Entstehung und er wusste von allem was seither geschah. Er sang von den Winden und Wassern, der Sonne und dem Mond und von den fernen Sternen, wo seine Brüder und Schwestern lebten. Gemeinsam sangen sie das Lied der Schöpfung und der Weisheit.

Nun verstand der Mann und er konnte aus dem Wissen schöpfen.

 

Diese Geschichte schrieb ich 2006. Sie wurde zuerst in meinem Parsimonyforum veröffentlicht und fand dort sehr viel Zuspruch. Bitte kopiere diese Geschichte nicht und gib sie nicht als Deine aus.


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