Die Klippe

Auf die Die Frage, wie wird man Schamanin, Versuch einer Antwort

Ein Kind wird geboren, mit seinen wachen Augen sieht es einen großen Stein, aber nicht nur einen Stein, sondern darin verborgen die Seele, die eigentliche Form des Steines. Diese Begabung bekam es in die Wiege gelegt. Was es lernen muß, ist, das Handwerkszeug zu gebrauchen, den Meisel, den Hammer, wie es den Stein von seiner äußeren Hülle befreit und das darin verborgende Kunstwerk einer Skulptur zu Tage fördert. So ein Mensch war z.B. Michelangelo.

Ein Kind wird geboren, mit seinen wachen Augen, offenen Ohren, seiner alten Seele sieht es einen Baum und die Seele des Baumes. Es schaut sich um, sieht die Tiere, die Steine, die Pflanzen, die Bäume, das Meer, die Sterne, die Sonne, den Mond, sieht ihre Seele und hört ihre Sprache. Die Türen zwischen den Welten sind immer einen Spalt offen. Glänzende Gestalten, Elfen, Feen, Zwerge sind mehr Spielkameraden als andere Kinder. Es kann hin- und hergehen und sehen, aber noch nicht verstehen. So lernt es das Handwerk, lernt die Sprachen, lernt sich zu versenken in die Trance, lernt Handlung und Fügung kennen. Seine Lehrer sind aus beiden Welten. Eines Tages steht dieses Kind am Rand der Klippe des Lebens. Es gibt nur noch vor oder zurück, nichts anderes mehr. Zurück heißt, in das seichte Leben des Alltags. Vor heißt, hinein in das Unbekannte, das Ängstigende. Es läßt sich fallen von der Klippe, mitten hinein in die Erfahrung Leben-Tod-Leben, es durchschwimmt das Meer der Ekstase und gelangt so an ein neues Ufer. Eine Schamanin wird geboren.

So stieg ich denn
in die dunkle Welt
in die Nacht der Schatten
oder zerrten sie mich,
rissen an mir?

der Bär,
die Wölfin,
blutige Wunden.
Der Adler pickte meine Augen,
der Schlange Gift
lähmte mich.

Ich tauchte
auf den Meeresgrund
und mich verschlang
des Vulkanes Glut
der Sturm zerriss die Glieder mir
die Erde verschlang mich ganz

Grausige Fratzen
der dunklen Welt Bewohner
der Schatten in mir
höhnten mich
lockten mich
zu ergeben der dunklen Macht

Ungewiss
ob leben oder sterben
Freundeshand nicht erreichbar
Hunger und Durst
Schmerz und Auflösung
Todesangst und neue Hoffnung
Zerstörung und Erneuerung

Auf der Klippe
fand ich mich wieder
ausgespuckt mit aller Macht
für Wert befunden
wieder einzutauchen
in das Leben

Aufstehen und singen
Heiliger Klang der Trommel
an meiner Seite
gehen sie
für alle Zeiten
Mir zum Schutz
und mir zum Rat

Comments are closed.